Vinho Verde

„Wie lange ich lebe, hängt nicht von mir ab. Ob ich aber wirklich lebe, das hängt von mir ab.“

Das Zitat des Stoikers Seneca ist nicht nur Ausdruck seiner dem Diesseits zugewandten Philosophie, sondern beschreibt auch die Lebenslust, die jeder verspürt, der einen spritzigen Vinho Verde an einem heißen Sommertag genießt. Und schon sitzen wir dem ersten Klischee auf – dem des spritzigen Vinho Verde. Aber dazu später und zurück zu Seneca. Er war es, der die Ursprungsregion des Vinho Verde als einer der Ersten nachweislich erwähnte. Das war vor fast genau 2000 Jahren. Mehr Weintradition geht kaum. Doch wenn man es genau nimmt, ist der eigentliche Vinho Verde tatsächlich noch etwas grün hinter den Ohren, denn seine erste urkundliche Erwähnung lässt sich „erst“ auf das Jahr 1606 datieren. Der historische Schritt zu seiner Popularität erfolgte schließlich 1908. In jenem Jahr wurde das 60.000 Hektar große Territorium im Nordwesten Portugals – zwischen den Flüssen Douro und Minho gelegen – per Gesetz als geschütztes Weinanbaugebiet „Vinho Verde DOC“ ausgewiesen. Jetzt besaß dieser Wein endgültig alle Voraussetzungen, um zu einer Legende zu reifen. Außerhalb Portugals galt er zwar zunächst als Geheimtipp, entwickelte sich dann aber zu einem echten Exportschlager. Aber was verbirgt sich hinter diesem bekannten Unbekannten eigentlich genau?

Leicht, frisch und jung – das sind typische Charakterisierungen für einen Vinho Verde. Sie haben einen wahren Kern, werden ihm in seiner Vielfalt jedoch nicht gerecht. Bekannt ist er den meisten Weinliebhabern für seinen leicht moussierenden Weißwein und eine markante Säure. Das macht den jungen Wilden zu einem echten Klassiker. Aber es gibt auch stille, gut gereifte Vertreter des Vinho Verde. Und die haben es – ebenso wie seine berühmten Verwandten – verdient, entsprechend gewürdigt zu werden, bewegen sie sich doch inzwischen durchaus auf Augenhöhe mit großen Weißweinen.

Den Namen verdankt der Vinho Verde übrigens nicht, wie fälschlich angenommen wird, seiner Farbe, sondern seiner feuchten, immergrünen Heimat, die klimatisch vom nahen Atlantik geprägt ist. Sie umfasst die Regionen Amarante, Ave, Baião, Basto, Cávado, Lima, Monção e Melgaço, Palva und Sousa. Der durchschnittliche Niederschlag liegt bei 1.200 mm/a wobei Regen und Temperatur von Region zu Region variieren. Diese klimatischen Unterschiede und Rebsorten ermöglichen es dem Vinho Verde, eine ganze Bandbreite von komplexen Aromen zu entwickeln, die aufgrund des granit- und schieferhaltigen Bodens zugleich eine mineralische Note enthalten. So kommt bei allen Liebhaberinnen und Liebhabern des Vinho Verde garantiert keine Langeweile auf.

Manuel Carvalho beschreibt die Gegend folgendermaßen: „Die gesamte Provinz Nord-Portugal wird von einem einzigen identitätsstiftenden Merkmal bestimmt, der alles beherrschenden Farbe Grün, sie schlängelt sich von den Bergen abwärts durch die Täler, erfasst die Ebenen und erreicht schließlich das Meer.“ Das Spektrum der Grüntöne, die sich in der herrlichen Landschaft des Vinho Verde entdecken lassen, dürften so manchen Synästhetiker zu Vergleichen mit den großartigsten Rebsorten der Region inspiriert haben:

Alvarinho – Grasgrün, Arinto – Mintgrün, Avesso – Lindgrün, Azal – Moosgrün, Loureiro – Apfelgrün, Trajadura – Olivgrün

Nach dieser völlig subjektiven Assoziationskette möchten wir uns gerne dem Alkoholgehalt des Vinho Verde widmen. Viele schätzen ihn als einen leichten Weißwein mit circa 9% Alkohol, was auf viele Vinho Verdes durchaus zutrifft. Aber auch in diesem Punkt überrascht er durch seine Vielfalt. Denn einige Weine erreichen bis zu 13,5% Alkoholgehalt. Ganz gleich, wie man es mag, der Vinho Verde fasziniert mit Sicherheit auch die Freunde nüchterner Zahlen:

• 34.000 ha = ca. 15% der portugiesischen Weinbaufläche

• 289.000 Weingärten

• 30.000 Winzer

• 600 Abfüller

• 92 mio. l Produktion

• 100 kg Trauben dürfen zu maximal 75 Liter Saft gepresst werden

• 65 Liter aus 100 kg Trauben sind bei Alvarinho zulässig

Der Vinho Verde ist ein Weißwein – dieses Bild wollen wir zum Schluss ebenfalls noch kurz zurechtrücken. Denn in der Zeit um 1908, dem Jahr der Klassifizierung als DOC, prägten noch über 90% rote Weine das Bild des Vinho Verde. Diese Dominanz hat der Rote heute zwar verloren, aber mit den Trauben Alvarelhao, Vinhão und Borraçal kommt er immerhin auf 6% und als Rosé auf 7% der produzierten Gesamtmenge. Für all Diejenigen eine tolle Entdeckung, die gerne mal über den Glasrand schauen. Übrigens, auch den roten Vinho Verde darf man gerne gekühlt trinken.

Bleibt nur noch die Frage, ob ein halbes Glas Vinho Verde als halb voll oder halb leer zu bezeichnen ist. Für Seneca wäre die Sache bestimmt klar. Wir sollten ihn uns zum Vorbild nehmen.

 

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